
Anfang September 2002 flog ich mit Äthiopien Airlines von Frankfurt um Mitternach in 8 Stunden nach Addis Abeba der Hauptstadt Äthiopiens.
Addis Abeba bedeutet "Neue Blume".
Ein Blume die allerdings zu verwelken droht.
Überall Armenviertel und Slums.
Die wenigen km asphaltierten Straßen können nicht verhindern, daß die Stadt jedentag den Verkehrsinfarkt zu erleiden droht, denn abseits der Hauptstrassen gibt es in der Regenzeit nur schlammige Wege auf denen klapprige steinzeitliche Vehikel steckenzubleiben drohen. Steigt man dort aus, ist man in sekundenbruchteilen sofort von einer großen Anzahl von Bettlern umringt. Die nur lautstark eines verlangen: "Birr, Birr".
Birr ist die äthiopische Währung die aber erstaunlich viel wert ist.
1 EUR entsprach damals etwa 6 Birr.
Man bekommt als beim Geldwechsel angenehmerweise nicht wie in vielen afrikanischen Entwicklungssstaaten mit rasender Inflation ein ganzes Bündel voll abgegriffener Scheine, sondern ist danach Eigentümer von nicht allzuvielen Scheinen.
Wir haben für die 1. Übernachtung ein Zimmer im Hilton von Addis Abeba gebucht. Es gibt in der Hauptstadt jede Menge internationaler Hotels der allerersten Klasse. Addis Abeba ist die Welthauptstadt zahlreicher Hilfsorganisationen und deren Vertreter wollen komfortabel untergebracht werden.
Natürlich gibt es auch jede Menge dubioser und übelster Absteigen.
Addis Abeba ist die 3. höchst gelegene Hauptstadt der Welt und liegt zwischen 2400 m und 2500 m über dem Meeresspiegel (La Paz in Bolivien und Lhasa in Tibet liegen höher).
Diese Höhenlage bewirkt natürlich ein kühles Klima von etwa 15 Grad Celsius, vorallem jetzt während der ausklingenden Regenzeit im September ist es auch noch trüb und bewölkt und öfters gießt es auch noch relativ stark.
Alles in allem keine einladendes Wetter und so besuchen wir am Nachmittag als einzig sinnvolle Alternative das Nationalmuseum.
Hier ist das Filmen und Fotografieren verboten.
Wir sehen aber interessante Ausstellungsstücke von den zahlreichen ethnisch hochinteressanten Völkerschaften in Äthiopien. Fundstücke von den ersten Australopithecinen stammen aus der Afark Senke im Nordosten des Landes und beweisen, daß Afrika, insbesonders Ostafrika zurecht als Wiege der Menschheit bezeichnet werden kann.
Neuere Geschichte wird ebenso dokumentiert. Die Besetzung durch die italienischen Streitkräfte im 2. Weltkrieg. Bis zu den Räumlichkeiten des charistmatischen Kaisers Haile Selassie.
Leider müssen wir auf einen Ausflug auf den 3000m hohen Aussichtsberg Entoto verzichten, da wir im strömenden Regen nichts von Addis Abeba gesehen hätten.
Aber am Tag 2 herrscht plötzlich herrlichster Sonnenschein und wir fahren mit Geländewagen aus der Stadt hinaus nach Süden.
Nach einigen km befinden wir uns bereits mitten in der Natur und sehen zum ersten Mal die Natur des äthiopischen Hochlandes
Das äthiopische Hochland ist äußerst fruchtbar.
Es wird soviel Getreide und Nahrung produziert, daß man damit ganz Afrika (!) ernähren könnte.
Und dennoch gibt es immer wieder Meldung von Hungerkatastrophen in Äthiopien.
Der Grund hierfür ist ganz einfach. Es gibt ungefähr 50 Millionen Einwohner, viele davon leben auch und müssen in Wüstengebieten wie dem Ogaden leben oder überleben. Die Infrastruktur ist äußerst mangelhaft. Geteerte Straßen können nur durch Auslandshilfe gebaut werden und so sind zahlreiche Gebiete vorallem in der Regenzeit nicht auf der Straße zu erreichen. Das Land hat auch einen Mangel an Transportmittel. Folglich können oft Nahrungsmittel nicht oder nicht zeitgerecht in Krisenregionen transportiert werden.
Ausbleibender Regen führt immer wieder zur Katastrophe für jene Bauern, die in Wüstengebiete und Steppenregionen aussiedelten oder ausgesiedelt wurden und dort nie gelernt haben, wie die ansässige Urbevölkerung zu überleben.
Im Prinzip ist Äthiopien jedoch ein höchst fruchtbares Land !
Gegen einen kleinen Obulus dürfen wir die Hütten der Hochlandbauern besichtigen
Die Bevölkerung hier südlich von Addis Abeba ist noch amharisch.
Die Amharen sind die "Herren-Rasse" von Äthiopien.
Sie halten aller wichtigen Ämter und Positionen im Land in der Hand und fühlen sich den zahlreichen anderen Völkern überlegen.
Rassistische Ausschreitungen sind jedoch nicht bekannt.
Nach einem langen Fahrtag erreichen wir bei Einbruch der Dunkelheit die Provinzhauptstadt Jimma, wo wir in einem Hotel der Bekele Molla Kette übernachten.
Das ist eine private Hotelkette die günstige Übernachtungen in den größeren Städten bietet. Annehmbare Unterkünfte, jedoch kaum genießbare Mahlzeiten :-(
.
In der Nacht regnet es sintflutartig und ich habe den Eindruck, daß bald das Hotel wegschwimmen muß.
Am nächsten Morgen ist es entsprechend bewölkt und wenig einladend. Wir befinden uns noch immer im äthiopischen Hochland auf noch etwa 1700 m Seehöhe und dementsprechend ist es bei Regenwetter noch immer kühl.
Weiter geht die Fahrt Richtung Süden - immer weiter in Richtung äthiopisches Tiefland. Mit jeder Stunde wird es wärmer.
Unterwegs erblicken wir dann zum ersten Mal unser Zielgebiet.
Den Omofluß, der im äthiopischen Hochland entspringt durch Südwestäthiopien fließt und in den Turkanasee knapp der Grenze zu Kenia mündet
Wieder müßen wir ein lange Strecke zurücklegen bis wir in Ara Minch der Hauptstadt der südäthiopischen Provinz Gamu-Gofa übernachten.
Arba Minch ist schön zwischen dem 1160 km großem Abay-See und dem etwa halb so großen Chamo-See im äthiopischen Teil des ostafrikanischen Grabenbruchs gelegen.
Auf dem Chamo-See machen wir eine Bootsfahrt und sehen zahlreiche Pelikane aber auch Nilkrokodile
Östlich der Seen liegt der Nechisar Nationalpark und dort kann man diese netten Lebewesen sehen
Der Nationalpark ist vorallem für seine Zebrapopulatinen bekannt.
Sonst können sich aber die äthiopischen Nationalparks nicht mit dem Tierreichtumg der weltbekannten Schutzgebiete in Tanzania oder Kenia messen. Dafür gibt es hier in den südäthiopischen Parks kaum Tourismus und man kann die Natur ungestörter genießen.
Aber Wildtiere sind auch nicht der Grund warum Touristen nach Südäthiopien kommen (von ein paar perversen Großwildjägern abgesen, die gegen hohe USD-Summen leider noch immer ihr Unwesen treiben dürfen :-(
Der Hauptgrund sind viel mehr die einzigartigen ethnologisch hochinteressanten Völkerschaften die südliche von Arba Minch leben.
Wie hier die Borana
Am 3. Tag unsere "Expedition" fahren wir vorerst in die kleine Siedlung Konso, wo das gleichnamige Volk lebt.
Die Konso sind das fortgeschrittenste Volk aller Ethnien im Omo-Delta und haben eine beeindruckende Terassenkultur für die landwirtschaftliche Nutzung entwickelt. Ungewöhnlich dicht gebaut sind ihre Siedlungen.
interessant sind auch ihre geschnitzten hölzernen Grabfiguren (waga)
Bizarre Erosionslandschaften gibt es hier auch
Die Konso nennen das New York.
Vielleicht weil diese bizarren Türme wie die Wolkenkratzer der US-Metropole aussehen. Mich hat das aber eher an den Bryce Canyon im
Westen der Staaten erinnert ... :-)
Am nächsten Tag geht es weiter nach Jinka.
Diese kleine Stadt liegt schon im Dreiländereck Äthiopien - Sudan - Kenya und ist Ausgangspunkt für den Mago und Omo-Nationalpark.
Jinka ist aber auch Grenzstadt im wahrsten Sinne des Wortes.
Dahinter gibts so gut wie keine Infrastruktur mehr.
Nur mehr übelste Pisten, die oftmasl auch kaum mit dem Geländewagen zu bewzingen sind. Keine Unterkünfte. Hier kann man nur mehr zelten.
Vereinzelte winzigste Siedlungen. Dafür tropische Hitze von über 40 Grad Celsius, hohe Luftfeuchtigkeit durch den Omo und natürlich auch die Gelgenheit sich mit Malaria anzustecken. :-)
Bevor wir Jinka erreichen haben wir jedoch noch die Möglichkeit in einem urigen Buschrasthaus eine Demonstration der Kaffeezubereitung zu sehen und ihn zu verköstigen. Der berühmte Kaffee aus dem äthiopischen Hochland. Kaffeebohnen werden zerstoßen, gemahlen und dann geröstet und ohne Milch serviert. Mein Ding ist das nicht ....
Dazu gibts dann Injera - das traditionelle äthiopische Gericht.
Sieht etwas gewöhnungsbedürftig aus.
Schmeckt aber ganz vorzüglich.
Es ist ein gesäußertes Fladenbrot, daß mit Erbsenbrei, etwas Ziegenfleisch und Gemüse serviert wird. Man der Hand reißt man Stücke vom Injera ab und nimmt damit auch die Beilagen auf.
Nach Jinka dann der Mago und Omo-Nationalpark.
Hier sehen wir kaum Tiere dafür solch große und schöne Termitenhügel wie sie in allen Steppen und Savannengebiete dieser Welt vorkommen
Dafür sehen wir bereits im Park vorallem aber westlich davon die Mursi.
Irgendwie ein Höhepunkt der Reise, zählen sie doch zu den bizarrsten Völkern Afrikas
Berühmt natürlich die Frauen der Mursi wegen Ihrer Lippenscheiben
Schon kleinen Mädchen ritzt man die Unterlippe auf um darin immer größere Scheiben zu plazieren.
Welchen Zweck diese Scheiben haben, die zum Essen natürlich herausgenommen werden ist nicht ganz klar.
Es gibt Stimmen, die behaupten, daß es ehemals Sitte war die Frauen gezielt zu verunstalten um sie für arabische Sklavenfänger gezielt unattrakiv zu machen.
Andere Ethnologen behaupten, daß die Mursi derart "verunstalte" Frauen als Schönheitsideal sehen.
Wie auch immer die Prozedur ist für die kleinen Mädchen höchst barbarisch.
Aber brutal und hart ist halt das Leben der Mursi und aller Völkergemeinschaften im Süden Äthiopiens.
Die Männer der Mursi tragen Stockkämpfe um die Vorherrschaft im Clan aus, bei denen es oft schwere Verletzungen gibt.
Man trinkt das Blut der Rinder vermengt mit Milch, weil dies besonders nahrhaft gilt. Das Hunger gilt als erstrebenswert, weil es gleichzeitig die Beweglichkeit der jungen Krieger fördert ....
Mit den benachbarten und rivalisierenden Völker wird oft ein blutiger und tödlicher Krieg um Weidegründe für die Rinder ausgetragen.
Diese Fotos kosten je 2 Birr. Videoaufnahmen 4 Birr. Wobei die Mursi genau zwischen Foto und Video unterscheiden können.
Einzelne Birr werden abgelehnt. Ich muß immer 2 Stück auf einmal geben. :-)
Als ich kein Kleingeld mehr habe, greift man mir in die Taschen, weil man es nicht glauben will und so kein Einkommen mehr durch Fotos zustande kommt.
Irgendwie traurig. Oder doch nicht. Der halb Schweizer, halb äthiopische Guide ist der Meinung, daß diese Tourismuseinnahmen die einzige Möglichkeiten sind oft benötigte Medikamente für die Tierherden zu beschaffen.
Am nächsten Tag geht es nach Südosten zum kleinen Volksstamm der Karo
Die Karo sind weniger aufdringlich als die Mursi. Haben eine interessante Körpferbemahlung und ein Lehmfrisur.
Hier muß der Guide einen Pauschalpreis für diverse Fotografien aushandlen.
Aber hier gelingen auch Aufnahmen der jungen Krieger.
Wobei die Kalshnikov ein Statussymbol ist. Jeder Volksstamm ist im Besitz dieser Waffen, selbst wenn diese keine Bekleidung besitzen. Waffen haben sie alle und verwenden diese auch bei Auseinandersetzungen mit den anderen Völkerschaften.
Am nächsten Tag verlassen wir das Gebiet um den Mago - und Omo-Park und fahren nach Turmi.
Turmi ist die Hochburg der Hamars.
Des vielleicht interessantesten Volks im Omo-Delta.
Die Hamar haben komplexe Riten.
Dank unseres Guides durften wir Zeugen eines 2 tätigen Initiationsritus der Hamar werden.
Tag 1 beginnt mit der Auspeitschung der Frauen.
Frauen und Mädchen versammeln sich in der Steppe, blasen mit dem Horn und locken so die Männder an und bitten (!) darum ausgepeitscht zu werden. Die Männer schlagen mit der Peitsche mehr oder weniger heftig auf den Rücken der Frauen. Blut fließt. Nur bei kleinen Mädchen wird sanfter vorgegangen. Damit wollen die Frauen demonstrieren, daß sie imstande und willens sind für die Gemeinschaft große Schmerzen zu ertragen.
Tag 2 des Initiationsritus: der Aspirant - das heißt der Heiratskandidat mußt im Vorfeld bereits oft hunderte kilometer alleine und ohne Nahrung mitzunehmen durch die Steppe ziehen und alle umgehende Clans und Verwandte vom bevorstehenden Fest verständigen.
Solche Reisen dauern oft Monate. Und während dieser Zeit muß der Aspirant beweisen, daß er imstande ist auf sich alleine gestellt in der Natur zu überleben.
Dann am festgesetzten Tag versammeln sich alle geladenen Hamar-Gäste.
bilden hier eine "Barriere" aus hintereinanderstellten Rindern und der Aspirant muß über diese drüberspringen, bzw. drüberlaufen ohne zu stürzen. Wenn dies gelingt, darf er vom Junggesellendasein in das eines verheirateten Mannes wechseln.
Das ist der Rindersprung der Hamar.
Am nächsten Tag gehts weiter nach Süden in fast wüstenhaftes Gebiet zu den Dassenech. Dieses Volk lebt in der nähe des Turkana-See scheint primitiver zu sein als die Hamar. Vorallem aber agressiver.
Vorerst gelingt es einige Dassanech Frauen zu filmen und zu fotografieren.
Als aber ein junger Krieger plötzlich eingreift, soll neu verhandelt werden und es werden zu hohe Forderungen gestellt, sodaß wir das Fotografieren und Filmen einstellen müssen.
Hier haben wir unseren südlichsten Punkt erreicht.
Von nun an beginnt unsere lange Rückreise nach Addis Abeba
Bevor wir wieder nach Konso kommen besuchen wir den etwas akkulturierteren Stamm der Arbore
um über Arba Minch wieder nach Addis Abeba zu fahren, wo eine sehr interessante Reise endet.
Diese Tour wird mittlerweile von zahlreichen Anbietern nur leicht modifiziert angeboten. Sie ist für ethnologische interessierte Besucher ein Highlight.
Nirgendwo in Afrika lassen sich ein derartige Viefalt an ursprünglichen Völkern besuchen.
Im Prinzip gibt es in Äthiopien zwei Regionen für den Tourismus.
Das ist einmal der Norden mit Gondar, dem Tana - See, Axum umd Lalibela, wo hauptsächlich uralte Klöster besichtigt werden können. Kulturhighlights sozusagen.
Die andere Tour ist eben das Omo-Delta mit den ethnologischen Seenswürdigkeiten. Bösartig auch schon mal als Menschenzoo bezeichnet.
Zum Glück entwickelt sich der Tourismus auch in Äthiopien immer weiter und
man kann mitlerweile Trekkingtouren im Bale Nationalpark und im Semiengebirge unternehmen. Auf 4500 m hohe Berge im Dach Afrikas steigen, oder neuerdings auch in die heißeste Wüste der Welt in die Danakil-Senke zu den Afarnomaden fahren um Salzseen und aktive Vulkane, besuchen.
Vorallem die letzte Möglichkeit würde mich sehr reizen. Und wäre nocheinmal ein Grund in das oft entnervende Reiseziel (wegen der Bettelei) Äthiopien zu fahren.
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